Auf der Suche nach dem perfekten Reformer Rollwiderstand

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... oder, wie aus einem modernen Reformer ein perfekter Reformer wird.

Photo by kieferpix/iStock / Getty Images

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Das Thema des perfekten Rollwiderstands lässt Frank und mich einfach nicht los. Das Gerücht, es würde uns schlaflose Nächte bereiten, stimmt natürlich nicht.


Glatteisgefahr

Glatteisgefahr

Glatteisgefahr

In der Natur kommt "keine Reibung" nur sehr selten vor und wenn, dann warnen wir mit großen Schildern davor.

Wie bewegen wir uns, wenn wir auf Glatteis gehen?

Übervorsichtig.

Wir spannen den ganzen Körper an und machen kleine Bewegungen. Klingt nach einer Menge Arbeit. Sollte das nicht dann eigentlich positiv fürs Training sein? Nicht wirklich, denn wenn wir uns verspannen, sind wir gestresst und können keine neuen Bewegungsmuster erlernen und abspeichern. Gerade dies ist aber beim Pilates wichtig, um falsche Bewegungsmuster wieder zu verlernen. Und, statt ohnehin starke und kurze Muskeln zu trainieren, die schwachen Muskeln zu trainieren und die starken, kurzen Muskeln wieder flexibel zu machen.

Ein klassischer Reformer bietet mit seinem Rollwiderstand ein natürlicheres Feedback, welches man in Kombination mit den Federn als angenehmes Gleiten wahrnimmt. Frederik Prag, der unter der Marke Pilates Equipment Scandinavia selbst klassische Pilates Geräte baut, hat es gut auf den Punkt gebracht:

"Moderne Reformer sind wie eine Achterbahn"


Am Ideal orientiert

Basil-Reformer.jpg

Mit dem Basil Reformer haben wir jetzt erstmals einen solchen nahezu perfekten Reformer.

Wenn wir nur diesen Widerstand messen könnten und auf die anderen pilates-powers Reformer übertragen könnten, dann hätten wir den perfekten Rollwiderstand.

Erste Messversuche mit einer Kofferwaage brachten schon einmal die Erkenntnis, die Unterschiede zwischen den Reformern, was den Rollwiderstand ohne Federeinfluss angeht, sind im Kilogramm-Bereich und nicht im Gramm-Bereich. Der Unterschied zwischen einem Reformer-Schlitten mit Nutzer auf dem Schlitten und ohne Nutzer sind vor allem bei Gleitlagern (also klassisch gebauten Reformern) erheblich.


Der Messaufbau

Versuchsaufbau Reformer Rollwiderstandsmessung

Was also tun? Frank kam auf die geniale Idee, dass man den Rollwiderstand standardisiert messen könnte, und erfand diesen Messaufbau.

Ein Seil wurde parallel zum Boden am Reformerschlitten befestigt und durch zwei Umlenkrollen so umgeleitet, dass ein seitlich geöffneter Kanister mit Gewichten beladen werden konnte.


Gewichtssteine.jpg

Nachdem jeder Reformer perfekt ins Lot gebracht wurde haben wir jeden Reformerschlitten mit vier Gewichten mit je 19 kg, insg. 76 kg, belastet.


Frank beim Beladen.jpg

Den Schlitten haben wir auf 75 cm herausgefahren, was ungefähr der Länge von Knee Stretches entspricht und haben dann ohne zusätzlichen Federwiderstand gemessen, bei welchem Gewicht der Reformerschlitten losfährt. Bei den ersten Messversuchen fanden wir schon heraus, dass gerade bei Gleitlagern ein großer Unterschied besteht, ob sie gerade bewegt wurden oder nicht. Also fuhren wir vor jeder Messung den Schlitten ein paar Mal hin und her. Dann fuhren wir ihn circa 1 Meter raus und stoppten ihn auf dem Rückweg bei 75 cm komplett ab. Blieb er dann stehen, luden wir etwas mehr Gewicht hinein und wiederholten die Prozedur, bis wir das Gewicht so eingestellt hatten, dass der Schlitten nach dem Abstoppen bei 75 cm jedes Mal wieder anfuhr. Danach nahmen wir den Kanister ab und wogen ihn zweimal. Den Mittelwert aus beiden Messungen, die kaum voneinander abwichen, findest Du unten als Anfahrwiderstand.

Bei manchen Reformern war der Anfahrwiderstand auch gleich dem Fahrwiderstand. Sprich, wenn man den Reformerschlitten sehr langsam von 100 cm zu 75 cm Marke führte und dann losließ, fuhr der Schlitten komplett nach Hause zum Stopper. Es gab aber auch Reformer, bei denen zu unserer großen Überraschung der Fahrwiderstand größer war als der Anfahrwiderstand (Allegro mit IGUS Gleitlager und Peak mit Gratz Rollen). Wir vermuten, dass es zum Teil daran liegt, dass bei manchen Reformern der Fahrweg durch den mit 76 kg beladenen Schlitten leicht nach unten gebogen ist.

Hier findest Du unsere Messwerte vom Samstagnachmittag.

Rollwiderstände verschiedener Reformer

Wie man sieht, sind die meisten unserer Reformer vom Fahrwiderstand geringer als der Goldstandard des Basil Reformer. Nur unser sogenanntes "Beast" (Peak Classic Reformer mit Gratz wheels) lag mit 6,7 kg deutlich darüber. Wir haben dann dem Beast wieder seine Resistance Ride Wheels, die ich nachtäglich erworben hatte, aufgezogen und noch einmal gemessen. Daher gibt es für den Peak auch zwei Messwerte.

Nach den so gewonnenen Erkenntnissen haben wir den Beastmaster übrigens "ent-beastet" und die Peak Resitance Ride Wheels draufgelassen.

Oh wie schön ist Panama.jpg

Als wir die Messwerte für das von Frank konstruierte PVC Gleitlager beim BB Allegro sahen, fühlten wir uns ein bisschen, wie bei der Janosch Geschichte "Oh wie schön ist Panama".

Ich habe es mir ehrlicherweise nicht genau aufgeschrieben, aber Franks PVC Gleitlager tun im Allegro bestimmt schon seit einem Jahr ihren Dienst und tatsächlich sind diese, genau wie die in den Stott eingebauten PVC Gleitlager, schon sehr nah am Ideal.

Frank und ich wollen jetzt noch die gewonnen Daten analysieren, diskutieren und dann einen Plan für die nächsten Schritte machen.


Der eine oder andere wird sich an dieser Stelle vielleicht fragen, in welcher Relation obige Messwerte zu der Kraft der Federn stehen. Daher die Messwerte von verschiedenen Federn eines Herstellers.

Reformer Federwiderstand

Warum ist das wichtig? Eine persönliche Zusammenfassung

Der Reformer ist, neben dem Cadillac und der Matte, eines der Haupttrainingsgeräte des Pilates. Von den ersten Anfängen, als Joseph Pilates es als "Körperübungsgerät" 1926 in Deutschland patentierte, bis zu seinem Tod hat er das Gerät ständig weiterentwickelt.

Herausgegeben 1914 - 56 Seiten

Herausgegeben 1914 - 56 Seiten

https://historische-zweiraeder.jimdo.com/2013/05/31/geschichte-der-kugel-walzen-und-rollenlager/

https://historische-zweiraeder.jimdo.com/2013/05/31/geschichte-der-kugel-walzen-und-rollenlager/

Kugellager waren bereits ca. 1850 erfunden und zu Joseph Pilates Zeit weit verbreitet, wie bspw. das Buch von "Fichtel & Sachs" über die "Geschichte der Kugel-Lager" aus dem Jahr 1914 (!) gut belegt. Trotzdem verwendete Joseph Pilates nicht Kugellager für seine Reformer, sondern Gleitlager. Langer Rede kurzer Sinn: Er hat sich dabei etwas gedacht und ganz bewusst das Training mit Gleitlagern für sinnvoller gehalten.

Wie ich in der Geschichte des Pilates beschrieben habe, ging Pilates in den 1990er Jahren durch einen Wachstumsprozess, in dem unter anderem die heute marktbeherrschenden Ausbildungsinstitute gegründet wurden. Den Bedarf an Pilates Geräte deckten Firmen, die nie mit den Originalgeräten von Joseph Pilates in Kontakt gekommen waren und auch die Methode in seltenen Fällen selbst ausübten. So sind tragischerweise die heute meistverbreiteten Reformer nur von der groben Funktion her Reformer im Sinne von Joseph Pilates. Zu viel kann der Unkundige beim Einstellen von Footbar, Ropes und den heute verbreiteten Risers "falsch" machen. Und jede noch so kleine Änderung verändert, wie die Übung wirkt.

Leider wird bei Pilates Ausbildungen genau an diesem Detailwissen gespart und der Pilates Lehrer in Ausbildung lernt zumeist auch nur den Reformer kennen, den sein Lehrer besitzt und kauft sich später, in voller Überzeugung, auch genau dieses Gerät wieder. Kein Wunder, dass die Ausbildungsinstitute, wie Stott und BASI verstanden haben, dass sie möglichst ihre Ausbildungsstudios auch mit ihren Pilates Geräten ausstatten müssen.

Ein kritischer Vergleich von Pilates Geräten verschiedener Hersteller unterbleibt, weil es keine Pilates Geschäfte gibt, in denen man Pilates Geräte vergleichen kann. Und die Pilates Geräte sind so teuer, dass kaum einer es sich leisten kann nur aus Vergleichsgründen mehrere Reformer von verschiedenen Herstellern zu kaufen. Und selbst wenn es die verschiedenen Reformer nebeneinander gäbe, so würde der "nur" in seiner Methode vertraute Pilates-Lehrer die Unterschiede zwischen den Geräten nicht zu bewerten wissen.

Wer mich kennt, der weiß, ich gehe den Dingen gerne auf den Grund und mit unserer wilden Mischung aus Reformern und meinen kontinuierlichen Weiterbildungen konnte ich mir ganz allmählich einen Überblick verschaffen.

Für mich steht fest, Reformertraining wird erst mit einem leichten zusätzlichen Widerstand in den Rollen sinnvoller und effizienter. Ich persönlich merke das in jeder Übung, aber wenn man es auf eine Übung reduzieren möchte: im Elephant merkt man sofort, ob ich den Schlitten zurückbringe oder ob der Schlitten von den Federn zurückgezogen wird. Der ideale Reformer fordert den Gedanken und Willen den Schlitten zurückzubringen. Und das ist genau richtig.


Als Reaktion auf den Blog Beitrag schrieb mit Tony Rockoff, Betreiber des klassischen Pilates Studios Powerhouse Hamburg und Autor des Buches "Klassisches Pilates: Das Original-Mattentraining nach Joseph Pilates":

Sehr interessant... Wie Du sicherlich weißt ist uns vieles nichts neu.... Aber dein Messverfahren ist einfach nur Genial!
— Tony Rockoff

Die Pilates Lehrerin Karin Krouse, ursprünglich aus Bad Tölz. die heute in Australien lebt schreibt:

Reiner, super toll erklärt ! Ich glaube, dass sich noch niemals jemand die Mühe machte, so ins Detail zu gehen. Gleitlager vs Wälzlager! Ich finde der Unterschied ist wie Tag & Nacht, speziell wie Du erwähnst in Elephant, Upstretch, und auch in Longstretch. Nach ein paar Repetitionen bin ich fertig, wobei ich auf dem contemporary Reformer 12 und mehr Reps ohne Probleme machen kann.

Ich werde Deine Artikel ausdrucken, und in Ehren halten, und weiterreichen an Contemporary Freunde hier in Australien. Vielen Dank auch an Deinen Freund Frank.
— Karin Krouse

Die in Berlin - meiner Heimatstadt - geborene und von Peak Pilates zertifizierte Trainerin aus Melbourne Dagmar Neumeister schreibt in einem Kommentar zu diesem Blog Post auf Facebook:

Auf jeden Fall fühlen sich die Übungen komplett anders an, wenn die Gleitkraft der Rollen nicht optimal ist. Elephant und Up stretch sind dafür definitiv gute Beispiele. Tendon stretch wird zu einer komplett anderen Übung! Wozu ich sagen muss, dass ich es mittlerweile schaffe, einem Peak Reformer bei Elephant und Up stretch ein ähnliches Gefühl herauszukitzeln. Aber natürlich nur, weil ich weiß, wie es sich anfühlen sollte. Hat man gleich das richtige Gerät, wird man automatisch in dieses Gefühl geführt.
— Dagmar Neumeister

Und der oben schon zitierte Jörg Arnold vom Pilates Zentrum Aschaffenburg schreibt ebenfalls in einem Facebook Kommentar auf seiner Seite:

Ich versuche gedanklich das Phänomen der unterschiedlichen Wirkungen der verschiedenen Glei-/Wälzlager aufzuarbeiten. Um es nicht nur mit den differierenden Bewegungsgefühlen zu erklären, sondern auch Fakten parat zu haben. Reiner, da hast du mit dem Anfangswiderstand schon ein gutes Stück Klarheit dazu beigetragen. Nun meine Frage: angenommen beim Upstretch auf dem Reformer geben mir die Federn einen Widerstand von 20kg (laut Tabelle eine rote Feder bei 70cm Federstreckung... hab die Tabelle nicht exakt im Kopf)... Plus den Anfangswiderstand des Lagers = ca. 23 kg, die ich mit meiner Streckerkette in konzentrischer Arbeit bewege. Wenn ich nun den Schlitten wieder nach Hause bewegen möchte, dann hebt sich der Feder-Kg-Wert ja nicht auf. Insofern arbeitet die Streckerkette exzentrisch. Das Powerhouse Gefühl hole ich mir mittels Fokussierung auf das Zusammenspiel der Prinzipien Bewegungslänge und Gewichtsverlagerung/Alignement und eben Zentrierung+Atmung (ja ich ging durch die Bodymotion Schule 😉) ... das ist eine feine Abstimmung und Nuancierung wobei aber die Kontrolle über die Übung bei der Streckerkette bleibt. In meinem Verständnis müssten für den Weg des Schlittens nach Hause die Federn komplett ausgehängt werden müssen, um allein mit konzentrischer BM-Hüftbeuger-Arbeit den Weg zurück legen zu können.
Oder der Reibewiderstand des Lagers hebt den Federzug auf.
Oder?
🙄
Ja und dann müssen wir ja noch das Körpergewicht einberechnen, das in Relation zur verwendeten Feder wirkt.
Also führe ich mit meinen 80kg den o.a. Upstretch bei einer roten Feder durch.
Würde ich mich beim Rausfahren einfach fallen lassen, bremst nur die Feder und der Reibungswiderstand die Fahrt ab. Also muss ich mich mittels meiner exzentrischen arbeitenden Hüftbeuge und Bauchmuskulatur halten bzw. die Fahrt kontrolliert freigeben. Rechnerisch vielleicht so: 80kg - 20kg Feder - 3 kg Widerstand = 57kg Restgewicht, das ich muskulär exzentrisch gegen die Schwerkraft halten muss.
Nun die Fahrt zurück. Es unterstützt die Feder die Fahrt zurück, während der Reibungswiderstand es widerum erschwert. 80kg - 20kg + 3kg = 63kg die ich nun mit den Bauch u. Hüftbeugemuskeln konzentrisch bewältigen muss.
Je höher der Reibungswiderstand des Gleitlagers umso mehr konzentrischer Powerhouse.
Aber je mehr Federn eingehängt umso weniger konzentrisches Powerhouse nötig und umgekehrt weniger oder gar keine Feder umso mehr BM Kraft ist nötig.
Würde bedeuten, dass ich entsprechend mit dem Federwiderstand den Reibungswiderstand des Lagers aufheben kann.
Könnte man das messen?
Hmmm...
Zu theoretisch?
Lieber spüren, gell? 😁😁
— Jörg Arnold
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Reiner wird Pilates Intel Expert