Verschlungene Wege zur Meisterschaft

Die Reise beginnt

Meister in einer Bewegungskunst zu sein, faszinierte mich spätestens seit mein Englischlehrer im Gymnasium, Wolfgang Metzger, uns von chinesischen Tai Chi Meistern und japanischen Schwertmeistern und ihren legendären Fähigkeiten berichtete. Er war es auch, der einer kleinen Gruppe von interessierten Mitschülern morgens vor der Schule Tai Chi beibrachte.

Tai Chi ist eine chinesische, aus der Kampfkunst stammende, Bewegungsform, die er bei seinen regelmäßigen Studienaufenthalten in China erlernte.

Wolfgang Metzger veröffentlichte später auch eines der ersten Tai Chi Bücher auf Deutsch. Er war also ein Experte auf dem Gebiet. Etwas was ich als Schüler natürlich nicht begriff oder zu schätzen wusste. Mir gefielen einfach die ruhigen, fließenden und erholsamen Bewegungen, die man ohne Bewertung von außen vollführen konnte. Was für ein Kontrast zu den auspowernden Vereinssportarten meiner Kindheit wie Turnen, Rudern oder Rennradfahren. Gerade bei letzterem hieß ein Radrennen die ganze Zeit im Schmerzbereich zu sein.

Tai Chi war auch weniger anstrengend als Joggen, welches ich damals, in Nachahmung meines Marathon laufenden Vaters, betrieb. Im ländlichen Franken zog man als Jogger in den späten 70er und frühen 80ern noch viele Blicke und Kommentare auf sich. Für einen mit seinem Körper hadernden Teenager auch nicht gerade stressfrei. Und Tai Chi war auch viel angenehmer als die Schulsportaktivität des Ruderns oder Gewichtshebens, beides angeleitet durch unseren Lateinlehrer.

Als schlechter Lateinschüler musste man schon fast an diesen Schulaktivitäten teilnehmen, denn jeder Schüler, der Mitglied in seinen Schulrudern- oder Gewichtsheben-Gruppen war, durfte in den Latein-Klausuren für ein lateinisches Wort die Übersetzung von ihm erfragen. Die Lehrer unseres Siebold Gymnasiums in Würzburg waren schon allesamt besondere Charaktere und sie haben mich wirklich sehr geprägt. Ich bin allen zutiefst dankbar für ihren positiven Einfluss auf mein Leben.


Ein weiter Anstoß für die Beschäftigung mit dem Thema Meisterschaft waren meine Begegnungen mit einem japanischen und einem deutschen ZEN-Meister, die ich während meiner Psychologie-Studienzeit sammelte. Der Kontakt kam durch meinen zweiten Tai Chi Lehrer den ich an meinem neuen Studienort Bamberg fand.

Meine Neugier war geweckt. Was bedeutet es eigentlich ZEN-Meister zu sein? Hat man damit auch die geistigen Einsichten eines Buddhas erreicht? Kann das jeder schaffen? Ich blieb ehrlicherweise nicht lange genug beim ZEN um dies weiter zu vertiefen. Irgendwann konnte ich mich zu 40 - 50 Minuten Sitzen in Stille am Tag nicht mehr aufraffen. Kam hinzu, dass beim Beobachten des Umgangs der ZEN-Schüler miteinander und mit unseren Lehrern, ich sehr unsicher war ob innere Ruhe und Klarheit auf diesem Weg ein Automatismus waren.

Ich erfuhr aber auch Spontanität, Ernsthaftigkeit, Wahrhaftigkeit und Unterstützung im persönlichen Erkenntnisweg in den 1zu1 Unterweisungen mit meinem ZEN Meister Wolf-Dieter Nolting die immer noch in mir Nachhallen.

 
 

Als ich bei unserem Japan-Urlaub Kyotos ältestestes ZEN-Kloster - den Kennin-ji ZEN-Tempel - besuchte fühlte ich die tiefen Wurzeln der ZEN-Denkweise in mir. Gegründet wurde der Kennin-ji ZEN-Tempel 1202 durch ZEN-Meister Yōsai. Meister Yōsai gründete übrigens auch die Rinzai-Schule des ZEN, also genau die Richtung die ich einige Jahre praktiziert habe. Meister Yōsai ist wohl auch derjenige, der ursprünglich den Tee von China nach Japan gebracht hat. Dafür bin ich ihm quasi täglich dankbar. :-)

Hier ein paar meiner Impressionen aus dem Kennin-ji ZEN-Tempel.


Viele Jahre nach dem ZEN-Buddhismus lernte ich dann die tibetische Form des Buddhismus kennen. Was für ein Unterschied. Alles deutlich farbenfroher, mehr Freude, mehr Gemeinschaft, allerdings dafür auch Guru-Fanboys & -girls sowie eine gewisse Wundergläubigkeit, die sich nur schlecht mit meiner Weltsicht vereinbaren ließ. Was mir allerdings im Vergleich zum still sitzenden ZEN gefiel, war die Bewegung in der Meditation beim tibetischen Buddhismus. Ich höre schon die ZEN-Fans schreien, dass ja schließlich auch das Arbeiten und Gehen in Meditation Teil der Übung sei, aber vielleicht führt das etwas weit. Und nur zur Sicherheit, diese Eindrücke waren meine persönlichen Beobachtungen in dem Umkreis, in dem ich ZEN und tibetischen Buddhismus erleben durfte und sagen nichts über die beiden Richtungen als solche aus.


Vom Tai Chi wechselte ich irgendwann während meines Psychologiestudiums zum Weng Chung Kung Fu. Diese Kampfkunst wurde von den Shaolin Mönchen entwickelt und musste dem buddhistischen Tötungsgebot genauso entsprechen wie auch dem Grundsatz nicht mehr Karma anzuhäufen in dem man in eine Selbstverteidigungssituation seine eigenen Emotionen einbrachte. Genau das wurde quasi bei jedem Training getestet, denn jeder Trainingspartner bringt seine eigene Energie mit und da das Ziel ja das Beenden eines Konflikts darstellt, ist man oft in nicht allzu komfortablen Situationen und könnte sich ganz leicht über so vieles emotional erregen. Lernt man aber eben nicht zu tun. Der Ursprung des ZEN, der Chan-Buddhismus, hatte für die zum Schutz der Shaolin-Kloster abgestellten Mönche eine ganz eigene Form gefunden. Ich war fasziniert und studierte von 1989 bis 1999 diese Kunst sehr intensiv in meinem täglichen Training.

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Als ich bei meinem „Sifu“, chinesisch für väterlichem Lehrer“, Andreas Hoffmann anfing zu lernen gab es zunächst keine Graduierungen oder Gürtel. Dann kamen irgendwann Schülergrade und Lehrergrade. Ab einem bestimmten Schülergrad konnte man Übungsleiter werden.

Und so begann ich nach ca. 2 Jahren selbst Weng Chun Kung Fu im Einzelunterricht zu lehren. Hier ein Originalbild aus meinem Studentenzimmer.

Im Besten Sinne war alles Üben zu dieser Zeit selbstlos und ohne ein Ziel welches zu erreichen galt.


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Die Idee selbst Meister in dieser Kunst zu werden kam mir erst, als mein Weng Chun Kung Fu Lehrer Andreas Hoffmann bei einem Mittagessen, nach c.a. 5 Jahren Trainings mit uns vier fortgeschrittenen Schülern, verkündete, dass er uns in einem halben Jahr zu Meistern ernennen wollte. In den folgenden Jahren wurde es nichts mit der Meisterernennung. Was seinen Sinneswandel bewirkte weiß ich nicht. Aber dieses irgendwie nicht abgeschlossene Kapitel nagte zugegebenermaßen an mir.

In jedem Fall entschied ich mich 1999 mehr auf das Thema Karriere zu setzen und zog nach Hannover. Da mein Kung Fu Lehrer in Bamberg war, wurde es nichts mehr mit dem regelmäßigen Training. Auch mein jahrelanger Trainings- und Sparringspartner Holger konzentrierte sich weniger aufs Kung Fu und so endete mein Kung Fu Weg zu dieser Zeit. Kleine Ausnahmen, wie beim Unterrichten meiner Kinder oder hier bei einem Workshop in 2016, gibt es allerdings immer wieder.

Wie Du an dem Foto siehst hatte ich beim Kung Fu oft jede Menge Spaß.


Meisterschaft im Pilates - Nebel über dem Gipfel

Im Jahr 2005 begann ich Pilates mit einer DVD, dann mit einem Kurs bei meinem Arbeitgeber und schließlich bei meinem ersten richtigen Pilates-Lehrer Mario Alfonso. Schnell wurde mir klar, dass ich entweder Pilates richtig oder gar nicht lernen wollte. Noch eine Bewegungskunst die ich nicht vollständig erlernt hatte, wollte ich nicht meinem Lebensweg hinzufügen. Und so begann ein Weg über meine erste Pilates Geräteausbildung bei BASI mit Miriam Friedrich Honorio als fantastischer Lehrerin. Es folgten Workshops, Konferenzen und ein kurzes Mentorprogramm bei Rael Isacowitz.

Ich konnte damals nicht erkennen ob mich dieser Weg zu einer Meisterschaft führen würde und ob es im Pilates überhaupt so etwas wie Meisterschaft gibt. Kam hinzu, dass BASI zum Teil völlig eigene Interpretationen der Pilates-Übungen von Joseph Pilates lehrt und ich anfänglich etwas verwirrt war wenn ich die anderen Versionen der gleichen Übung auf Videoportalen wie Pilates Anytime und Pilatesology sah. Erst allmählich verstand ich, dass die von mir erlernte BASI-Versionen eher eine Eigeninterpreation des Schulgründers Rael Isacowitz waren und sich aus welchen Gründen auch immer vom Original entfernt hatten. Es galt also umzulernen.

In dieser Zeit begegnete mir der Begriff „Pilates-Meister“ zwar ab und zu in der Pilates-Welt, aber wer sich so nennen durfte und warum blieb unklar. Oft wurden solche Titel auch in den Pilates-Facebook-Gruppen belächelt und man machte sich über selbsternannte Master-Teacher lustig.

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Diese Unklarheit änderte sich als ich Kathy Corey traf, die von den ersten Pilates-Lehrern nach Joseph und Clara Pilates immer ganz selbstverständlich von Master-Teachern sprach. Und auch wen ich am Anfang immer erst einmal etwas befremdet von der Wortwahl war, hatte sich doch der Begriff der Master Teacher in meinem Kopf festgesetzt, und ich musste mit der Zeit doch zugeben, dass der Begriff zu Recht gewählt war.

Als ich Kathy Coreys Master Mentor Programm im Januar 2016 startete war es auch in der Hoffnung meiner eigenen Pilates Meisterschaft näher zu kommen.

Die verschiedenen Kapitel meines Mentorprogramms habe ich ja hier im Blog schon beleuchtet.

Zum Nachlesen. 


Pilates-Meister und immer auf dem Weg

Am 11. Juli 2019 überreicht Kathy Corey mir den Titel des 1st Generation Kathy Corey Pilates Master Teacher. Typisch deutsch freute ich mich zwar, hatte ich das doch angestrebt, und fragte mich im nächsten Moment ob ich diesen Titel schon wirklich verdient hatte.

 
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Ich erinnerte mich an meine selbst aufgestellten Bedingungen für das Thema Meisterschaft im Pilates, die ich in einem Blog-Artikel vom Januar 2017 skizziert hatte. Hier ein Zitat aus dem Blog-Artikel mit Kriterien für Meisterschaft im Pilates:

  • Die lückenlose Kenntnis des ganzen Pilates Systems.

  • Die Fähigkeit, die Essenz des Systems und der Übungen zu erkennen.

  • Einen eigenen Beitrag zur Entwicklung der Pilates Methode zu leisten.

  • Den eigenen und den Körper des Klienten in den Übungen lesen zu können und entsprechend zu reagieren, um eine korrekte Rekrutierung der notwendigen Bewegungsmuster zu erreichen.

  • Kreativ und schöpferisch mit der Essenz der Methode umzugehen, um jedem Menschen den Zugang zu seinem Potenzial und zu einem gesunden Körper zu ermöglichen.

  • Persönlichkeit und Verhalten, die mehr von Geben, Kümmern und Fördern geprägt sind und nicht von übertriebenem Ego.


Da trifft sicher das eine oder andere zu und bei manch anderen Dingen fühle ich mich noch weit weg. Und im Nachhinein, wie typisch zu versuchen so ein Thema mit Kriterien zu beschreiben.

Und da platzte auch bei mir der Knoten.

In meinem Blog-Artikel Pilates als Weg-Mentale Aspekte der Arbeit zitierte ich den Aikido Großmeister George Leonard mit seinem Rat wie man die Meisterschaft am Besten erreicht:

„Einfach gesagt, Du übst unablässig, aber Du übst hauptsächlich der Übung selbst willen. Statt frustriert zu sein während Du auf einem Plateau bist, lernst Du es genauso zu schätzen und zu genießen wie die Welle aufwärts.“

— George Leonard „Mastery – the key to success and long-term fulfillment“; 1992

Wie einfach und wie treffend. Und genau das tue ich jeden Tag mit Euch in unserem Studio.

Und dann gibt es wieder eine Welle und ich bin bereit für neue Hinweise für den Weg von Euch als meinen Schülern und gleichzeitig Lehrern, von meiner Mentorin Kathy Corey oder der kleinen Pilates-Familie die aus dem Mentor-Programm entstanden ist.

Der Weg liegt vor uns und glitzert voller Vergnügen. Wir sehen uns.