Pilates als Weg - Mentale Aspekte der Arbeit

Mentale Aspekte haben mich schon seit meiner Jugend interessiert. Als Teenager war es zunächst Autogenes Training, dann das Studiums der Psychologie und während dieser Zeit die Zen Praxis. Zen Sesshins bei der man eine Woche meditiert, nur unterbrochen von kurzen Schlafphasen von 3 Stunden, schärften meinen Geist. Schließlich fand ich die Kampfkunst Süd-Shaolin Kung Fu Weng Chun und trainierte 15 Jahre auch die integrierten geistigen Aspekte des Chan Buddhismus. Als ich 2005 das Pilates entdeckte spürte ich von Anfang an den starken mentalen Aspekt der Methode und sah in ihr Meditation in Bewegung. In meiner Pilates Ausbildung wurden diese Aspekte leider kaum diskutiert und so versuchte ich mit der Zeit meine eigenen Gedanken dazu in Worte zu fassen.


George Leonard – ein bekannter amerikanischer Buchautor und Aikido 5. Dan – beschreibt in seinem Buch „Mastery – the key to success and long-term fulfillment“ die “Mastery Curve”. Diese stellt den Fortschritt im Lauf der Lernzeit einer Fertigkeit dar. Sieht man Pilates als eine solche Fertigkeit an, so lässt sich das Modell auch auf Pilates anwenden.
Dabei ist Zeitachse (die horizontale Achse) natürlich abhängig von der Art der zu erlernenden Fähigkeit.

Die obige Kurve ist natürlich idealisiert und verläuft bei jedem etwas anders. Das spannende an ihr ist, dass man aller Erfahrung nach die meiste Zeit auf einem Plateau trainiert und es dann immer wieder kurze Momente des Fortschritts gibt. Der Fortschritt selbst ist jedoch nur eine kleine Momentaufnahme, denn man steigt in diesem Moment höher als es eigentlich „richtig“ ist und fällt notwendigerweise wieder ein kleines Stückchen ab.

„Warum findet Lernen in so plötzlichen Schüben statt? Warum können wir nicht gleichmäßigen Fortschritt zur Meisterschaft machen?“ fragt George Leonard in „Mastery – the key to success and long-term fulfillment“ und antwortet selbst:

…, wir müssen eine für uns ungewohnte Bewegung immer wieder üben, bis wir es in unser Muskelgedächtnis programmiert haben oder in unseren Autopiloten. … Wenn Du eine neue Fähigkeit lernst, musst Du zuerst darüber nachdenken und Du musst Dich anstrengen, das alte Muster von Wahrnehmung, Bewegung und Denken mit dem neuen auszutauschen. Das bringt etwas ins Spiel, was man Kognitives System nennen könnte, verbunden mit dem Autopiloten, und ein Aufwandssystem, verbunden mit dem Hippocampus (unten am Hirnstamm gelegen). Das kognitive und das Aufwandssystem werden so lange Teil des Autopiloten, um es so zu ändern, dass es das neue Verhalten lernt. Um es anders zu formulieren, das kognitive System und das Aufwandsystem „hacken sich“ in den Autopiloten und programmieren ihn neu. Wenn der Job erledigt ist, ziehen sich beide Systeme zurück. Dann musst Du nicht anhalten und bspw. jedes Mal über den richtigen Griff nachdenken, wenn Du an Deinen Schläger umgreifst. In diesem Licht kannst Du sehen, dass diese Wellen nach oben auf der Kurve der Meisterschaft keineswegs die einzige Zeit sind, zu der etwas Bedeutendes oder Aufregendes passiert. Lernen passiert auf allen Stufen. Eine Stufe endet, wenn der Autopilot für die neue Aufgabe programmiert wurde und das kognitive und das Aufwandsystem sich zurückgezogen haben. Das bedeutet, dass Du die Aufgabe bewältigen kannst, ohne extra über die einzelnen Teile nachzudenken. An diesem Punkt gibt es einen sichtbaren Spurt des Lernens. Aber dieses Lernen hat schon die ganze Zeit stattgefunden.
— George Leonard „Mastery – the key to success and long-term fulfillment“; Seite 15 -16; 1992

Man übt also, ohne dass sich von Stunde zu Stunde direkt eine Veränderung ergibt. Dies kann je nach Charakter als frustrierend empfunden werden. Gerade im Pilates geht es nicht um das Vorturnen von besonders schwierigen Übungen. Es ist sogar so, dass wenn man versucht Pilates-Übungen auszuführen, für die man noch nicht bereit ist, man sich selbst sehr einfach schädigen kann. Dies allein stellt bereits eine für wettbewerbs- und performanceorientierte Menschen ungewohnte „Zumutung“ dar, die so mancher, der den Pilates Weg beschreitet, erst einmal verarbeiten muss.

„Und wie bewegt man sich am besten auf die Meisterschaft zu?“ fragte sich George Leonard.

„Einfach gesagt, Du übst unablässig, aber Du übst hauptsächlich der Übung selbst willen. Statt frustriert zu sein während Du auf einem Plateau bist, lernst Du es genauso zu schätzen und zu genießen wie die Welle aufwärts.“
— George Leonard „Mastery – the key to success and long-term fulfillment“; Seite 15 -16; 1992

Nach diesen einleitenden Gedanken zum Thema Meisterschaft zurück zu Pilates als einem möglichen geistigen Weg.

1945 brachte Joseph Pilates es in seinem zweiten Buch „Return to Life Through Contrology“ auf die einfache Formel:

„Physische Fitness ist die erste Voraussetzung zum glücklich sein.“

Damit sagte er nicht, dass “Physical Fitness” bereits glücklich sein bedeutet, es war aber aus seiner Sicht eine wichtige Voraussetzung. Drehen wir es um, können die meisten aus eigener Erfahrung bestätigen, dass Menschen die krank sind und Schmerzen haben, meist unglücklich sind oder es zumindest sehr schwer haben, nicht ihren Humor zu verlieren. Der tägliche Schmerz nagt oft an den Personen und vieles im Leben beginnt dadurch beeinträchtigt zu werden.

In „Return to Life Through Contrology“ (dem zweiten Buch) schreibt er:

Contrology bringt Körper, Seele und Geist in vollständige Übereinstimmung. Durch Contrology erreichst Du zunächst zielgerichtet komplette Kontrolle über Deinen eigenen Körper und dann durch die geeignete Zahl von Wiederholungen der Übungen, erreichst Du allmählich und fortschreitend diesen natürlichen Rhythmus und Koordination, die mit allen unbewussten Aktivitäten einhergeht. Dieser Rhythmus und diese Kontrolle werden sowohl bei Haustieren als auch bei wilden Tieren ohne bekannte Ausnahme beobachtet. Contrology entwickelt den Körper gleichmäßig, korrigiert Fehlhaltungen, stellt die körperliche Vitalität wieder her, kräftigt den Verstand und erhebt den Geist.
— Joseph Pilates

Die Kernfrage ist: stimmen diese Aussagen von Joseph Pilates und falls ja, reichen sie um Pilates als mentalen Weg zu bezeichnen? Jeder der einigermaßen lang Pilates macht, weiß die positive Wirkung des Pilates für den Körper zu schätzen. Aber gilt das auch für den Kopf?

Wir wissen aus Berichten von Kunden und Mitstreitern von Joseph Pilates, dass er selbst oft launisch, ungeduldig, egomanisch und possessiv war. Manche seiner Wegbegleiter berichten sogar, dass Joseph Pilates gegen Ende seines Lebens oft eher depressiv war. Keine besonders gute Werbung für die Methode als geistigen Weg.

Auf der anderen Seite waren nicht viele Genies aller Zeiten auch launisch, ungeduldig, egomanisch und possessiv?

Und, wir kennen von Joseph Pilates auch eine andere Seite, die in der er Kunden, die sein Studio verlassen mussten und umzogen, auf eigene Kosten einen Reformer baute und mitgab. Also ein deutliches Zeichen von Großzügigkeit.

Wir werden im Nachhinein Joseph Pilates als Menschen nicht mehr kennenlernen können und daher auch nicht herausfinden können, ob Pilates als geistiger Weg für ihn funktioniert hat. Wer weiß wie er in seiner Jugend war. Die Berichte über zurückgelassene Ehefrauen und Kinder sind auf jeden Fall nicht sehr erfreulich.

Meiner persönlichen Erfahrung nach kann Pilates dem Geist ein relativ komfortables und funktionierendes Zuhause geben. Dabei kann es den Geist erden und ihm den Raum für Ruhe und Klarheit geben. Pilates kann auf dem Weg auch unser Mitgefühl für andere erhöhen. Dies alles geschieht nicht über Nacht und auch nicht ohne Mühe und auch nicht von alleine.

Die Pilates Prinzipien, die nach Joseph Pilates Tod ausgearbeitet wurden, haben wir ja bereits mehrfach diskutiert und es versteht sich, dass diese auch geeignet sind, uns mental zu fordern.

Im Folgenden möchte ich über das, was wir bei den Pilates-Prinzipien bisher kennengelernt haben, hinausgehen.

Mein ZEN Meister Rei Shin Sensei (Wolf-Dieter Nolting) erklärte einmal in einem seiner Lehrvorträge die sogenannte zwölffache Kette des bedingten Entstehens.

Ohne die Kette jetzt in allen einzelnen Elementen besprechen zu wollen, ist das fünfte Kettenglied die 6 Sinnes-Tore: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten, Denken. Ja, das Denken wird als Sinneswahrnehmung angesehen. Daraufhin erfolgt als sechstes Glied der Kontakt mit dem, was dort in unseren Geist durch einen der sechs Sinne eintritt. Dabei erzeugt als siebtes Kettenglied, das was auch immer dort eingetreten ist, eine Empfindung von angenehm, unangenehm oder neutral. Auf diese Empfindung hin reagieren wir meist direkt als achtes Kettenglied mit dem sogenannten Begehren. Im Grunde eine Aktion des Haben- oder Nicht-Haben-Wollens. Kettenglied neun ist dann das Anhaften, Ergreifen und Kettenglied zehn ist dann wie aus diesem Prozess eine gewohnheitsmäßige Tendenz entsteht.

Harry Mi Sho Teske schreibt in seinem Buch „Warum scheißen die Vögel auf Buddhas Kopf“ (S. 23 – 24) dazu:

So dreht sich dieses Rad von Unwissenheit, Willenskräften, Bewusstsein, Name und Form, sechs Sinnestoren, Kontakt, Empfindungen, Begehren, Anhaftung, Werden, Geburt und schließlich Alter und Tod unaufhörlich bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir die Erleuchtung erreichen und uns klar wird, dass wir nur an einer Stelle Einfluss auf dieses Rad haben, nämlich an der Stelle zwischen dem siebten und achten Glied, der Empfindung und dem Begehren. Wenn auf eine Empfindung kein Begehren mehr erfolgt, sind wir frei von den weiteren Folgen dieses Kreislaufs und der ganze Spuk hat ein Ende.
— Harry Mi Sho Teske, „Warum scheißen die Vögel auf Buddhas Kopf“ (S. 23 – 24)

Also zusammengefasst: Durch einen unserer Sinneskanäle tritt etwas in unseren Geist ein und unser Geist nimmt es wahr. Dabei kommt es quasi zu einer unmittelbaren und auch nicht direkt zu beeinflussenden Erstreaktion, einem Gefühl von positiv, neutral oder negativ. Dieses Gefühl verursacht auch zunächst einmal eine weitere Reaktion im Geist, nämlich ein Haben-Wollen oder Nicht-Haben-Wollen. Erst dann kommt der Geist wirklich in Wallung und versucht, uns in Aktion zu versetzen. Und genau bevor diese Aktion eintritt, können wir uns bremsen.

Oder wie es in diesem Ausspruch heißt:

„Zwischen dem Stimulus und der Reaktion ist ein Freiraum. In diesem Freiraum liegt unsere Macht uns die Reaktion auszusuchen. In unserer Reaktion liegt unser Wachstum und unsere Freiheit.”

Das Zitat wird (vermutlich fälschlicherweise) oft dem KZ-Überlebenden Viktor E. Frankl zugeschrieben, es findet sich aber nicht in seinen Werken.

Dabei nutzt der Buddhist das Hilfsmittel der Meditation und der Rinzai ZEN Buddhist zusätzlich die Koan-Arbeit, um die Automatik in der 12fachen Kette an dieser einen Stelle zu durchtrennen.

Nun muss man aber nicht unbedingt meditieren, um die Erfahrung zu machen, dass es diesen „Freiraum“ gibt und man muss auch nicht unbedingt anzufangen zu meditieren. Meiner Erfahrung nach ist Pilates genauso ein Mittel der Meditation in Bewegung, um eine gewisse geistige Freiheit und damit ein unabhängiges Glück zu erreichen.

Pilates bietet uns konstant einen Fluss von Übungen an, die wir entweder mögen oder nicht mögen oder die uns egal sind. Dabei fühlt sich der Körper mal großartig und manchmal sehr bescheiden an. Nichts daran ist falsch. Falsch wird es, wenn wir anfangen direkt darauf zu reagieren. Nach dem Motto, die Übung ist mir eher unangenehm, also ist die Übung schlecht, oder der Lehrer ist schlecht, weil er mich eine für mich schlechte Übung machen lässt. Und ja, diesen einfachen Schluss erleben wir beim Unterrichten ständig. Genauso ist es so, dass es gewisse Lieblingsübungen gibt und sich Teilnehmer wünschen, man würde diese jetzt noch etwas länger machen, weil sie so schön sind.

Damit möchte ich nicht sagen, dass es richtig wäre unangenehme Übungen, bei denen ich zum Beispiel Nackenstarre bekomme, lange durchzuhalten, aber auf Grund der Automatik unserer Reaktion verpassen viele Menschen im Pilates den Punkt, an dem sie etwas ändern könnten, wie bspw. ihre Bauchmuskeln stärker zu aktivieren und dadurch weniger Nackenmuskulatur zu verwenden.

Eine wichtige Tugend auf vielen geistigen Wegen ist das Erlernen von Achtsamkeit.

Durch die Wiederholungen im Pilates habe ich bei jeder Wiederholung neu die Chance mit meinem Geist ganz bei der Sache zu sein, sofern ich merke, dass ich abwesend war.

Sollte ich ganz in meinen Film abgetaucht sein, weckte mich der Wechsel von einer Übung zur anderen auf. Ich muss mich kurz neuorientieren und auf die Übung einstellen. Damit wird ein mögliches Gedankenkarussell durchbrochen. Viele Teilnehmer berichten genau davon, dass sich durch Pilates auch ein geistiger Erholungseffekt einstellt, vergleichbar mit einem Kurzurlaub.

Pilates bietet also viele Möglichkeiten, nicht unbedingt auf Empfindungen und Gedanken zu reagieren und damit zu einem Pfad der Bewegungsmeditation zu werden und an der Stelle zwischen Empfindung und Reaktion innezuhalten zu können. Ob man ihn so beschreiten möchte, ist natürlich jedem selbst überlassen.

Im Buddhismus gibt es die sogenannten drei Juwelen: Buddha, Dharma und Sangha, zu denen der praktizierende Buddhist seine „Zuflucht“ nimmt.

Dabei ist der Buddha derjenige, der das Erstrebenswerte bereits erreicht hat, im Buddhismus eben die Erleuchtung. Das Dharma ist die Lehre oder Methode zu diesem erstrebenswerten Zustand zu kommen. Die Sangha ist die Gemeinschaft der erfahrenen Schüler und Schülerinnen.

Meiner Erfahrung nach ist für das Erlernen einer Kunst eben das Vorhandensein aller drei Elemente nützlich. Dies gilt m.E. völlig unabhängig von dem Buddhismus. Jedes Element hilft - und fällt eines weg, wird es deutlich schwerer seine Praxis aufrecht zu erhalten.

Joseph Pilates war, was seine Körper- und Geisteskunst anging, immer davon überzeugt es selbst am allerbesten zu wissen. Diese Einstellung macht es schwerer selbst geistige Klarheit zu erreichen. Das ist jetzt eine gewisse Spekulation, aber ich vermute, dass Joseph Pilates selbst spürte, wie positiv sich seine Methode auf Geist und Körper auswirkte. Es fehlte ihm aber vielleicht ein Weghelfer, der ihm half seine beim Üben gewonnenen Erfahrungen auch ins tägliche Leben einzubringen. Stattdessen warfen Joseph Pilates die erfahrenen Kränkungen und die Angst vor dem Diebstahl seiner Methode auf seinem geistigen Weg wohl immer wieder zurück.

In der Koan Sammlung „Mumonkan – Die torlose Schranke“ findet sich der Fall 9: Daitsū Chishō Buddha.

Ein Mönch fragte Meister Kōyō Seijō: „Daitsū Chishō Buddha saß zehn Kalpas lang im Zazen und konnte keine Buddhaschaft erlangen. Er wurde kein Buddha. Wie kann das sein?“ Seijō sagte: „Deine Frage spricht für sich selbst.“ Der Mönch fragte wieder: „Er meditierte so lang, warum konnte er die Buddhaschaft nicht erreichen?“ Sejō sagte: „Weil er kein Buddha wurde.
— Übersetzung des Muomonkan durch Harry Mi Sho Teske, „Warum scheißen die Vögel auf Buddhas Kopf“, S. 58

Dem ist nichts hinzuzufügen.


Alle Aussagen und Schlussfolgerungen basieren entweder auf meiner persönlichen Erfahrung oder spiegeln die Meinung der zitierten Personen wider.